Boot

Ich bin unfassbar reich – und was das mit Flüchtlingen zu tun hat

Eigentlich ist dies kein politischer Blog. Aber eigentlich ist die Welt auch gerade ein bisschen aus den Fugen geraten. Und dann lese ich in diesen Tagen immer häufiger Sätze wie: „Aber uns Deutschen geht es auch schlecht“, „Was ist mit Rentnern auf Hartz IV Niveau?“, „Wir können nicht alle aufnehmen“. Und man muss diesen Menschen dann leider sagen: Nein, es geht uns nicht schlecht. Im Gegenteil: Wir sind so unfassbar reich, wie nur wenige andere Menschen auf dieser Erde.

800px-Drehbarer_WasserhahnWenn ich meine ausreichend große Wohnung betrete, kann ich davon ausgehen, dass sie nicht im nächsten  Moment in Schutt und Asche gelegt wird. Es kommt auch nachts niemand zur Tür reingestürmt und tötet oder vergewaltigt meine Familie. Ich musste meine Familie auch nirgends zurücklassen, um im Dunkeln zusammen mit 400 anderen Menschen in ein wackliges Boot zu steigen. Wenn ich mit einem Schlauchboot im Mittelmeer schwimme, dann freiwillig und in der Nähe einer Hotelanlage. Zurück aus dem Urlaub drehe ich Zuhause den Wasserhahn auf und siehe da – ob im Bad oder der Küche, es kommt sauberes Wasser aus der Wand, das ich sogar trinken kann. Aus jeder Steckdose in meiner Wohnung kommt an 365 Tagen im Jahr Strom, um eines meiner vielen elektronischen Geräte zu versorgen. Wenn ich meinen Kühlschrank aufmache, sind Lebensmittel drin, die ich zu niedrigsten Preisen nur wenige Meter entfernt bis nachts um 23 Uhr einkaufen kann. Ich kann zwischen 43 Joghurt-Varianten wählen und am nächsten Tag sind die Regale in jedem Fall wieder aufgefüllt.

Wenn ich krank werde, kann ich zum Arzt gehen, bei dem ich nur eine Stunde warten muss bis ich dran komme. Ist es schlimmer, kann ich kostenlos ins nächste Krankenhaus gehen. Es ist 5 Gehminuten entfernt. Werde ich länger krank, übernimmt die Krankenkasse den finanziellen Teil, sollte ich mal sehr lange krank werden, springt der Staat ein. Meine Bildung konnte ich in einer Schule genießen, die kostenlos und friedlich (na gut, bis auf den ehemaligen Polizisten, der sich auf dem Schulhof das Leben nehmen wollte und mit einer Waffe herumfuchtelte) war. Die Universität, die ich besucht habe, kostete mich knapp 50 Euro im Monat. Da war aber schon die Fahrkarte enthalten, mit der ich alle Bus-, Tram-, U-Bahn- und S-Bahn-Linien nutzen konnte, die unsere Stadt so hergibt. Und wenn mir das zu lang dauert, kann ich heute in mein passables  Auto steigen und damit von A nach B kommen. Ohne Straßensperren oder militärische Willkür. Wenn ich verletzt bin, kann ich die 112 anrufen und darauf hoffen, dass innerhalb von wenigen Minuten ein Krankenwagen vor Ort ist. Fühle ich mich bedroht, kann ich die 110 wählen und muss (in der Regel) nicht damit rechnen, korrupten Polizisten zu begegnen. Wenn man mich anklagt, kann ich davon ausgehen, ein (meist) faires Gerichtsverfahren zu bekommen. Ich kann meine Meinung sagen und schreiben, ohne dass ich dafür belangt werde. Das alles ist Reichtum.

Was ich für all das geleistet habe? Nichts. Ich hatte einfach nur Glück, auf der „richtigen Seite“ dieser Erde geboren worden zu sein. Und nein: natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Müssen wir auch gar nicht, da 86% aller Flüchtlinge in Entwicklungsländern leben oder in der Nähe ihrer Heimat bleiben, weil sie auf baldige Rückkehr hoffen. Und ja: die Politik muss die Probleme da anpacken, wo sie passieren. Zum Beispiel Armut bekämpfen, die mitten  in Europa existiert. Man könnte aufhören, die ganze Welt mit Waffen zu versorgen. Oder unterbinden, dass der afrikanische Markt mit billigsten EU-Hühnchen überschwemmt wird.  Oder faire Löhne und Preise für Rohstoffe bezahlen. Oder nicht immer gerade den Despoten unterstützen, der das eigene Machtstreben am besten voranbringt. Tun wir das nicht, werden Menschen weiter flüchten. Und wir haben die Pflicht, denen, die es auf der Suche nach etwas Hoffnung zu uns geschafft haben, freundlich gegenüberzutreten und ihnen eine Chance zu geben. In diesem Jahr werden das ca. 400.000 Menschen sein. Das sind, wenn mich meine mittelprächtige Mathenote nicht aus dem Rennen wirft,  etwa 0,5% unserer aktuellen Bevölkerungszahl.  [Update: neuen Berechnungen zufolge könnten es bis zu 750.000 sein, was viel ist, aber immernoch unter 1% der Gesamtbevölkerung. Zudem sterben jährlich ca. 900.000 Menschen und es verlassen nochmal bis zu 800.000 im Jahr das Land. Quelle]

Und ja, unter den 400.000-750.000 werden auch ein paar Idioten sein – na und? Auch unter 400.000-750.000 Deutschen gibt es Spinner. Die allermeisten von ihnen sind Menschen, die hier einfach in Frieden leben wollen, unter ihnen auch Kaufleute, Ärzte und Ingenieure, die drüben in Syrien ein gutes Leben in der Mittelschicht geführt haben. Also hört auf zu jammern und macht was aus eurem Leben, liebe besorgte Bürger – dieses Land bietet euch dazu alle Chancen!

Foto: Riki1979 Wikipedia

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.