Kommunikations-Fail der Woche: Saufen Krankenschwestern nur Kaffee?

Die Frage, die über diesem Beitrag schwebt, lautet: Wie viel Verantwortung braucht Kommunikation? Wie wirkt es etwa, wenn jemand mit ca. 39.000 Euro Stundenlohn*  jemandem mit ca. 15 Euro Stundenlohn** vorwirft, sie/er würde nur Kaffee trinken statt arbeiten? Was wenn er dies auch noch einem ganzen Berufsstand vorwirft? So geschehen in einem Artikel im aktuellen SPIEGEL (Nr. 9, 2014) zum Thema Gesundheitswirtschaft.

Krankenschwester mit KaffeeKonkret geht es in dem Artikel darum, dass der Klinik-Konzern Helios 40 Häuser der Rhön-Kliniken übernimmt und so zum größten Krankenhauskonzern Europas wird. Kliniken sind heute Wirtschaftsunternehmen und Unternehmen müssen Renditen erzielen. Was das bedeutet, wird im Artikel aufgezeigt. Patientenzahlen steigen, das Personal wird abgebaut. Beispiele im Artikel sprechen von bis zu 32% weniger Krankenschwesterstellen. Im Klartext heißt das: Im Hochrisikobereich Krankenhaus kümmern sich immer weniger medizinisch ausgebildete Pflegekräfte um immer mehr Patienten. Ich habe im Zuge einer wissenschaftlichen Arbeit ein bisschen recherchiert im Gesundheitswesen und weiß um die Entwicklungen in der Branche.

Nun geht es in diesem Blog ja nicht um die Entwicklung der Gesundheitsbranche, sondern um Kommunikation. Im genannten Artikel wird der Gründer der Helios-Kliniken mit dem Satz zitiert:

Gehen Sie doch mal nachmittags in ein Krankenhaus, und besuchen Sie einen Angehörigen, dann sehen Sie das Schwesternzimmer, an dem ein Schild hängt mit der Aufschrift ‚Übergabe‘. Wenn Sie die Tür öffnen, sehen Sie, wie sie Kaffee saufen.

Das sind laut SPIEGEL die Worte von Milliardär Lutz Mario Helmig. Er gehört zu den 500 reichsten Deutschen*** und verdient rechnerisch ca. 39.000 (neununddreißigtausend) Euro pro Stunde*. Das Medium kma – Managementwissen für die Gesundheitswirtschaft –  hat über den Fall berichtet, in den Kommentaren zeigt sich ein erster kleiner Shitstorm. Man fragt sich nun, ob Herrn Helmig nicht bewusst ist, was eine solche Aussage in einem großen deutschen Medium bei Angehörigen des Berufsstandes bewirken kann. Stichworte sind hier vielleicht:  völlige Demotivation oder eine immer stärker werdende „Die da oben Mentalität“. Selbst wenn er nicht mehr für Helios tätig ist (Helmig verkaufte den Konzern für über eine Milliarde Euro im Jahr 2005 an Fresenius), so hat er in meinen Augen als weiterhin aktiver Unternehmer eine (auch kommunikative) Verantwortung. Natürlich gibt es auch unter Krankenschwestern und -pflegern welche, die lieber Kaffee trinken als arbeiten – so wie es in jedem Berufsfeld fleißige, faule, gute und schlechte Arbeitnehmer gibt. Allerdings trifft das nie pauschal auf einen ganzen Berufszweig zu.

Wissenschaftliche Bücher kauen das Thema Führungskommunikation von hinten bis vorne durch, gute Führungskommunikation zeichnet sich danach z.B. durch folgende Punkte aus:

– Gute Führungskommunikation ist zielorientiert, nicht situativ und nicht beliebig (das heißt auch, dass ich nicht von einigen Situationen auf die Arbeitsweise einer ganzen Branche schließe)

– Gute Führungskommunikation ist sensitiv und kann die Folgen des kommunikativen Handelns abschätzen (das heißt auch, dass ich mir den Folgen meiner Aussagen bewusst sein muss)

– Gute Führungskommunikation schafft Bedingungen für eine gelingende Verständigung (das heißt, dass ich einen kommunikativen Nährboden schaffen muss, auf dem ein Austausch möglich ist. Ein verallgemeinerndes Beschimpfen ganzer Berufsgruppen widerpricht diesem Prinzip)

Man kann also nur an die Helmigs da draußen appellieren: Seid euch der Wirkung bewusst, die Worte haben (so ist etwa „Kaffee saufen“ selten eine gelungene Formulierung, um eine vertrauensvolle Kommunikationsbasis herzustellen). Solche Aussagen können eine mühevoll aufgebaute Arbeitgebermarke in kürzester Zeit kaputt machen. In Zeiten, in denen gerade die Gesundheitsbranche den Fachkräftemangel beklagt, keine gute Ausgangsbasis.

Ich hoffe sehr auf eine neue Generation von Unternehmern und Führungspersönlichkeiten, die einen weniger überheblichen Kommunikationsstil pflegen und auf Empathie, Augenhöhe, Miteinander und Vertrauen setzen. Wenn dann neben den vielen weichen Faktoren auch noch substanziell vernüftig gewirtschaftet wird (Der Menschenverstand sagt z.B., dass ein Krankenhaus nicht allein als Wirtschaftsunternehmen zu sehen ist, das maximale Rendite erzielen muss), dann wäre ich guter Dinge 😉

* basiert auf umgerechnet 8 Stunden Arbeit und dieser Liste
** basiert auf Angaben aus dieser Liste
*** basiert auf dieser Übersicht

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